ZEIGEN - ORDNEN - BEWAHREN (2)

Die erste Folge dieser Reihe widmete sich dem Zeigen von Fotografien. Im vorliegenden Beitrag steht das Ordnen im Mittelpunkt, verstanden als Sammeln, Strukturieren und Archivieren fotografischer Arbeiten. Dieser Prozess ist der Präsentation in der Regel zeitlich vorgelagert und bildet eine zentrale Voraussetzung für jede Form der Auswahl. Eine systematisch aufgebaute Sammlung erleichtert die Zusammenstellung von Fotografien, etwa für ein Fotobuch oder eine Ausstellung. Der Beitrag beschreibt meine Vorgehensweise, zielt jedoch darauf ab, darüber hinaus allgemein nachvollziehbare und übertragbare Überlegungen zu formulieren.

SONNTAGS-BLOG

Reinhard Mokros

2/8/2026

Seit mehr als fünfzehn Jahren arbeite ich mit Adobe Lightroom, um meine Fotografien zu entwickeln und zu archivieren. Der folgende Text versteht sich nicht als Anleitung zur Bedienung der Software, sondern als Darstellung meiner eigenen Praxis des Ordnens und Strukturierens eines umfangreichen Bildbestands. Lightroom bildet dabei das Werkzeug, nicht den Gegenstand der Betrachtung. Zahlreiche der beschriebenen Vorgehensweisen dürften sich in ähnlicher Weise auch mit anderen Programmen umsetzen lassen.

Mit der Leica M 11-P zeichne ich meine Aufnahmen grundsätzlich im unkomprimierten DNG-Format auf, also als RAW-Dateien. Bevor ich mit der Bearbeitung beginne, sichere ich diese Dateien auf einer externen Festplatte. Auf diese Weise bleiben mir die Originalaufnahmen dauerhaft erhalten und stehen jederzeit erneut zur Verfügung. Da Bildbearbeitungsprogramme kontinuierlich weiterentwickelt werden und neue Versionen zusätzliche oder verfeinerte Werkzeuge bieten, kann eine spätere Neubearbeitung der RAW-Dateien sinnvoll sein. Die Archivierung der Originale schafft hierfür die notwendige Grundlage.

Nach dem Import in Lightroom erfolgt zunächst eine Sichtung des neu eingespielten Materials. Jedes Foto, das einer Bearbeitung unterzogen werden soll, markiere ich entsprechend. In einem zweiten Schritt lasse ich mir ausschließlich die unmarkierten Aufnahmen anzeigen und entferne sie aus dem Katalog. Auf diese Weise reduziere ich den Bestand frühzeitig und konzentriere mich auf die Bilder, die eine weitere Aufmerksamkeit verdienen.

Im Anschluss an die Entwicklung versehe ich jede ausgewählte Aufnahme mit Stichwörtern. Für die Ordnung des Archivs ist dies der zentrale Arbeitsschritt. Erst durch eine präzise und konsistente Verschlagwortung wird aus einer bloßen Sammlung von Dateien ein recherchierbarer Bildbestand. Stichwörter strukturieren das Archiv nicht chronologisch, sondern inhaltlich: nach Orten, Motiven, thematischen Zusammenhängen, Serien, technischen Verfahren oder auch projektbezogenen Kontexten.

Lightroom ermöglicht den Aufbau hierarchischer Stichwortsysteme. Über- und Unterbegriffe lassen sich so organisieren, dass allgemeine Kategorien – etwa „Stadt“, „Industriekultur“ oder „Porträt“ – durch spezifischere Begriffe weiter ausdifferenziert werden. Diese hierarchische Struktur erlaubt es, sowohl breit angelegte Motivgruppen als auch präzise Einzelaspekte gezielt zu recherchieren. Die Verschlagwortung ist damit nicht nur ein Akt der Beschreibung, sondern eine Form der systematischen Erschließung des eigenen fotografischen Werks.

Lightroom organisiert die importierten Fotografien in einem Katalog, der chronologisch strukturiert ist: zunächst nach Jahren, innerhalb der Jahre nach einzelnen Aufnahmetagen. Diese zeitliche Ordnung bildet die grundlegende Achse des Archivs. Sie folgt der Logik der Entstehung und gewährleistet eine eindeutige Verortung jeder Aufnahme im Produktionszusammenhang.

Darüber hinaus bietet das Programm die Möglichkeit, sogenannte Sammlungen anzulegen. In ihnen lassen sich Fotografien unabhängig von ihrer chronologischen Ablage zu thematischen, projektbezogenen oder kuratorischen Einheiten zusammenführen. Auf diese Weise können etwa Serien, Buchprojekte, Ausstellungsauswahlen oder motivische Zusammenhänge virtuell gebildet werden, ohne dass die physische Datei verschoben werden muss.

Die Originaldateien verbleiben dabei unverändert an ihrem Speicherort. Sammlungen stellen somit keine eigenständigen Ordner im Dateisystem dar, sondern relationale Verweise innerhalb des Katalogs. Dieses Prinzip erlaubt es, ein und dasselbe Foto in unterschiedlichen Kontexten zu verwenden, ohne Redundanzen zu erzeugen oder die Archivstruktur zu destabilisieren. Chronologische Grundordnung und thematische Querbezüge ergänzen sich auf diese Weise zu einem flexiblen, zugleich aber konsistenten System der Bildorganisation.

Lightroom ist in seiner aktuellen Fassung ausschließlich im Abonnement erhältlich. Wer eine Alternative ohne laufende Kosten bevorzugt, kann auf Adobe Bridge zurückgreifen. Das Programm ist für Windows und macOS verfügbar und wird gegenwärtig noch kostenfrei angeboten. Es erlaubt ebenfalls die Vergabe und Verwaltung von Stichwörtern sowie das Anlegen von Sammlungen und stellt damit grundlegende Funktionen zur Strukturierung eines Fotoarchivs bereit.

Seit zwei Jahren lasse ich von ausgewählten Aufnahmen zu meinen fotografischen Schwerpunktthemen Abzüge im Format 30 × 20 cm anfertigen. Auf diese Weise entsteht neben dem digitalen Archiv ein analoges Konvolut, das eine eigene Form der Sichtung und Auswahl ermöglicht. Das Bild wird nicht als Teil einer flüchtigen Sequenz wahrgenommen, sondern als physisch präsentes Objekt, das in die Hand genommen, nebeneinander gelegt und miteinander verglichen werden kann. Die analoge Auswahl fungiert damit nicht als nostalgischer Gegenpol zum digitalen Workflow, sondern als dessen Ergänzung. Sie schärft den Blick für die Qualität einzelner Arbeiten, erleichtert die Zusammenstellung von Serien und bereitet Entscheidungen für Publikationen oder Ausstellungen vor.

Die Prints bewahre ich in stabilen Kartons auf, die etwas größer als DIN A4 sind und eine Höhe von etwa fünf Zentimetern haben. Jeder Karton erhält ein Etikett, das seinen thematischen Inhalt präzise ausweist und damit eine rasche Orientierung gewährleistet. Der Dienstleister druckt auf der Rückseite der Fotos die Bezeichnung der Datei, ich wähle dafür das Datum und Ort der Aufnahme (z.B. 260115_Berlin) und kann so die Datei in Lightroom schnell finden.

Ausgewählte Fotografien exportiere ich aus Lightroom als TIFF-Dateien und speichere sie auf meinem NAS. Die Ablagestruktur folgt dabei einer klaren chronologischen Ordnung: Hauptordner sind nach Jahren benannt, innerhalb derer die jeweiligen Projekte oder Aufnahmeserien abgelegt werden. Auf diese Weise entsteht ein vom Lightroom-Katalog unabhängiges, eigenständiges Archiv hochwertiger Masterdateien.

Die von mir vergebenen Stichwörter werden beim Export in die Metadaten – insbesondere in die IPTC- und EXIF-Informationen – eingebettet und automatisch mitgeführt. Dadurch bleiben inhaltliche Erschließung und technische Angaben auch außerhalb des ursprünglichen Katalogs erhalten. Die Dateien sind somit nicht nur bildlich, sondern auch semantisch portabel und können in unterschiedlichen Programmen weiterverwendet werden, ohne dass die Verschlagwortung verloren geht.

In Adobe Bridge lege ich ergänzend themenbezogene Sammlungen an. Anders als Lightroom ist Bridge nicht an einen geschlossenen Katalog gebunden, sondern greift direkt auf die im Dateisystem oder in Netzwerken gespeicherten Dateien zu. Diese Offenheit erlaubt es, das NAS-Archiv unmittelbar einzubinden und projektbezogene Zusammenstellungen unabhängig vom Lightroom-Workflow zu organisieren. Chronologische Sicherung, metadatenbasierte Erschließung und thematische Aggregation bilden so ein mehrschichtiges System, das Redundanz vermeidet und zugleich flexible Zugriffsmöglichkeiten eröffnet.

Das von mir praktizierte Verfahren ist speicherintensiv. Moderne Kameras erzeugen Dateien mit einer Auflösung von 40 bis 60 Megapixeln; bei kontinuierlicher fotografischer Tätigkeit summiert sich dies rasch auf mehrere Terabyte Datenvolumen. Hinzu kommt der physische Raum für die archivierten Abzüge, die ebenfalls sachgerecht gelagert werden müssen.

Vor diesem Hintergrund ist eine konsequente Auswahl unerlässlich. Archiviert werden nur solche Arbeiten, die in ästhetischer, dokumentarischer oder projektbezogener Hinsicht Bestand haben. Nicht überzeugende Aufnahmen lösche ich bewusst und endgültig – mit Ausnahme des gesondert gesicherten RAW-Archivs, das als primäre Quelle unangetastet bleibt.

Der Prozess des Reduzierens ist kein einmaliger Akt, sondern bedarf periodischer Wiederholung. Mit zeitlichem Abstand verändert sich der Blick auf das eigene Werk; Serien werden präziser gefasst, Dubletten und nur geringfügig variierende Versionen verlieren an Bedeutung. Im Jahr 2025 habe ich meinen Lightroom-Katalog unter diesem Gesichtspunkt grundlegend überprüft und den Bestand der Jahre 2002 bis 2024 von 37.489 auf 12.944 Fotografien reduziert. Die zahlenmäßige Verringerung bedeutet dabei keinen Verlust, sondern eine qualitative Verdichtung des Archivs.

Was als „gutes“ Foto zu gelten hat und daher archiviert werden sollte, entzieht sich einer allgemeinverbindlichen Definition. Die Kriterien sind abhängig von fotografischer Intention, ästhetischer Position und individuellem Anspruch. Maßstäbe, die für konzeptuelle oder experimentelle Arbeiten tragfähig erscheinen, können für dokumentarische Ansätze nur bedingt gelten – und umgekehrt.

Für meine Form der dokumentarischen Fotografie bildet die technische Qualität eine unverzichtbare Grundlage. Eine präzise Belichtung und eindeutige Schärfeführung sind elementare Voraussetzungen. Bei Architekturaufnahmen achte ich zudem auf eine kontrollierte Perspektive und vermeide stürzende Linien, sofern sie nicht bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt werden. Technische Sorgfalt ist dabei kein Selbstzweck, sondern dient der Klarheit und Verlässlichkeit der Darstellung.

Das entscheidende Kriterium bleibt jedoch der Bildaufbau. Kompositorische Prinzipien – etwa der Goldene Schnitt oder andere Ordnungsmodelle – können als heuristische Instrumente fungieren, bieten jedoch keine Garantien für Bildqualität. Sie strukturieren Wahrnehmung, ersetzen aber nicht das ästhetische Urteil. In der Praxis erweist sich die Komposition als Zusammenspiel von Rhythmus, Proportion, Raumbezug und Blickführung, das sich nur im konkreten Einzelfall bewerten lässt.

Die Beurteilung eigener Arbeiten ist zudem selten frei von Voreingenommenheit. Nähe zum Aufnahmeort, Erinnerung an die Entstehungssituation oder technische Anstrengung können das Urteil beeinflussen. Aus diesem Grund beziehe ich bei der Auswahl gerne eine externe Perspektive ein und lasse mich von meiner Frau beraten. Gleichwohl bleibt die letzte Entscheidung eine persönliche. Ein Bild, das im eigenen Werk Bestand haben soll, muss letztlich der eigenen ästhetischen Überzeugung standhalten.