Stadtspaziergang in Cottbus
Am 19. Januar 2022 fuhren meine Frau und ich mit dem Regionalexpress von Berlin - wo wir einen Kurzurlaub verbrachten - nach Cottbus. Wir wollten eine Ausstellung im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im ehemaligen Dieselkraftwerk besuchen und uns auch die Stadt ansehen.
Der fotografische Spaziergang beginnt am Cottbus Hauptbahnhof. Cottbus entwickelte sich mit dem Ausbau der Eisenbahnlinien zwischen Berlin, Görlitz und Breslau zu einem bedeutenden Eisenbahnknoten. Noch heute prägen die weitläufigen Gleisanlagen, Bahnsteige und Funktionsgebäude den ersten Eindruck der Stadt. Der Bahnhof bildet zugleich eine Übergangszone zwischen Verkehrsinfrastruktur, gewerblichen Flächen und älteren Stadtquartieren. Wie in vielen ostdeutschen Städten veränderte sich das Umfeld nach 1990 deutlich. Teile der früheren Bahnanlagen verloren ihre ursprüngliche Funktion, andere wurden modernisiert oder neu genutzt. Die Umgebung wirkt deshalb stellenweise heterogen: renovierte Gebäude stehen neben Funktionsbauten der späten DDR-Zeit, dazwischen liegen Freiflächen, Parkplätze und provisorisch wirkende Übergänge zwischen den verschiedenen Stadträumen.
Abseits der Bahnsteige fällt ein restauriertes Gebäude mit der Aufschrift Spreewaldbahnhof Cottbus auf. Der Name verweist auf eine besondere Episode der regionalen Verkehrsgeschichte. Von hier aus verkehrte bis in die 1970er Jahre die Spreewaldbahn, eine meterspurige Kleinbahn, die Cottbus mit zahlreichen Orten im Spreewald verband. Die Bahn wurde schrittweise zwischen 1970 und 1974 stillgelegt; das Empfangsgebäude des ehemaligen Spreewaldbahnhofs blieb jedoch erhalten und ist eines der wenigen sichtbaren Relikte dieses regionalen Verkehrsnetzes.
In dem Gebäude mit dem Schriftzug „Weltspiegel“ n der Nähe des Bahnhofs ist ein Kino, das bereits 1911 eröffnet wurde und damit zu den ältesten noch erhaltenen und genutzten Kinos Europas gehört. Während viele frühe Kinos zunächst provisorisch in Gaststätten oder Sälen eingerichtet wurden, entstand der Weltspiegel bereits als eigenständiges Gebäude für Filmvorführungen. Das Kino überstand sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch die Zeit der DDR und blieb durchgehend in Betrieb. In der DDR gehörte es zu den wichtigsten Filmtheatern der Region. Nach 1990 wurde das Gebäude mehrfach modernisiert und schließlich umfassend saniert; seit der Wiedereröffnung im Jahr 2011 verbindet der Bau historische Architektur mit zeitgemäßer Kinotechnik.
Beim Gang durch die Altstadt fällt ein runder Turm aus Backstein auf, dessen Uhr weit über die umliegenden Dächer sichtbar ist. Es handelt sich um den Spremberger Turm, eines der markantesten historischen Bauwerke der Cottbuser Innenstadt. Der Turm gehört zu den wenigen erhaltenen Resten der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Der Bau entstand vermutlich im 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Anlage der Stadtmauer. Der Turm markierte das südliche Stadttor der mittelalterlichen Stadt und kontrollierte den wichtigen Verkehrsweg nach Spremberg, von dem sich auch sein Name ableitet. Wie viele Stadttore verlor er mit dem Wachstum der Stadt im 18. und 19. Jahrhundert seine militärische Funktion, blieb jedoch als städtebauliches Wahrzeichen erhalten.
Der Schlossplatz gehört zu den historisch bedeutenden Orten der Innenstadt von Cottbus. Seine heutige Gestalt geht im Wesentlichen auf das 18. und 19. Jahrhundert zurück. Das Ensemble wird von der Schlosskirche Cottbus geprägt, einem barocken Kirchenbau, der zwischen 1701 und 1714 als Kirche des ehemaligen Residenzschlosses errichtet wurde. Bauherr war die Familie Pückler, die das Cottbuser Schloss im 17. und frühen 18. Jahrhundert besaß. Die Kirche ist ein schlichter Saalbau mit barocker Fassadengliederung und einem markanten Turm. Ihre Funktion als Schlosskirche verweist auf die frühere Situation des Platzes: An dieser Stelle befand sich das Cottbuser Schloss, das im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts mehrfach umgebaut und schließlich im 19. Jahrhundert weitgehend abgetragen wurde. Der Platz erhielt dadurch seine heutige offene Form.
Am Rand der historischen Altstadt verläuft noch ein Abschnitt der mittelalterlichen Stadtbefestigung von Cottbus. An einigen Stellen ist die alte Mauer nicht unmittelbar von dichter Bebauung umgeben. Zwischen der erhaltenen Stadtmauer und jüngeren Wohnhäusern öffnet sich vielmehr ein Grünraum, der die historische Struktur der Stadt sichtbar lässt. Auf dieser Freifläche stehen mehrere Skulpturen. Sie gehören zu den Kunstwerken des Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, dessen Standorte sich in Cottbus befinden. In den Grünanlagen der Stadt wurden in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt Plastiken aufgestellt, die zum Teil aus Ausstellungen hervorgegangen sind und heute dauerhaft im Stadtraum präsentiert werden. Die Skulpturen bilden damit eine Art offenes Skulpturenfeld zwischen historischer Stadtbefestigung und moderner Wohnbebauung.
Ein fotografischer Rundgang durch Cottbus zeigt eine Stadt, deren Reiz weniger in spektakulären Sehenswürdigkeiten als in den Spuren ihrer historischen Entwicklung liegt. Mittelalterliche Reste der Stadtbefestigung, Bauten des 19. Jahrhunderts, Relikte der Industrie- und Verkehrsgeschichte sowie Veränderungen der jüngeren Zeit treten im Stadtraum unmittelbar nebeneinander. Gerade diese Überlagerung verschiedener Zeitschichten macht die Stadt für die Stadtfotografie interessant: Nicht einzelne touristische Höhepunkte stehen im Mittelpunkt, sondern die Beobachtung eines Stadtraums, in dem Geschichte in vielen unscheinbaren Details sichtbar bleibt.







































