Fotografische Anfänge in den 1970er Jahren

Geboren wurde ich 1954 in Uerdingen am Rhein. Aufgewachsen bin ich im Krefelder Stadtteil Linn, seit 2009 lebe ich mit meiner Frau in Duisburg. Der Niederrhein und das Ruhrgebiet prägen meinen fotografischen Blick bis heute. Beide Regionen sind für mich weit mehr als geografische Räume. Sie bilden den kulturellen und biografischen Hintergrund meiner Fotografie und gehören zu den Orten, zu denen ich immer wieder zurückkehre.

Meine Begeisterung für die Fotografie begann im Alter von zwölf Jahren. Mit der 4×4-Rollfilmkamera meines Vaters – einer Leidox der Firma Leidolf – entstanden im Burgpark Linn, an der Burg Linn und im Krefelder Rheinhafen meine ersten Aufnahmen. Schon damals zog mich weniger das Spektakuläre an als die alltägliche Umgebung, in der ich lebte. Architektur, Wasser, Hafenanlagen und Straßen wurden zu meinen ersten Motiven.

Später durfte ich während unserer Familienurlaube im Schwarzwald die Erinnerungsfotografien mit der Kamera meines Vaters aufnehmen. Mit sechzehn Jahren erhielt ich schließlich meine erste eigene Spiegelreflexkamera, eine EXA 500 der Ihagee Dresden. Wenig später folgte eine Exakta VX 1000 mit auswechselbarem Lichtschacht- und Prismensucher. Diese Kameras gehörten zu den technisch anspruchsvollen Spiegelreflexmodellen ihrer Zeit und vermittelten mir erstmals das Gefühl, fotografisch bewusst gestalten zu können. Rückblickend erstaunt mich, dass ausgerechnet Kameras aus Dresden meinen fotografischen Weg eröffneten – Jahrzehnte bevor ich begann, mich intensiv mit der Geschichte Ostdeutschlands und der Industriekultur zu beschäftigen.

Die Fotografie wurde rasch zu meinem wichtigsten Hobby. Monat für Monat kaufte ich das fotoMAGAZIN, das damals zu den wenigen deutschsprachigen Zeitschriften gehörte, die sich gezielt an engagierte Fotoamateure richteten. Bücher, Zeitschriften und eigene Versuche wurden zu meiner fotografischen Schule. Der Wunsch, Fotograf zu werden, lag deshalb nahe. Mein Vater hielt diesen Beruf jedoch für wirtschaftlich zu unsicher. Nach langen Diskussionen einigten wir uns auf einen Kompromiss: eine Ausbildung zum Drogisten.

Diese Entscheidung erwies sich rückblickend als glücklicher, als ich damals vermutete. In der Foto-Drogerie Wolfgang Wagener in Krefeld-Uerdingen gehörten Kameras, Filme, Chemikalien und Fotopapiere zum täglichen Arbeitsumfeld. Zum Geschäft gehörte außerdem ein Schwarzweißlabor. Dadurch erhielt ich Einblicke in die praktische Laborarbeit und den gesamten fotografischen Arbeitsprozess. Das eigentliche fotografische Handwerk eignete ich mir jedoch als Autodidakt an – durch Beobachtung, Ausprobieren und unzählige eigene Aufnahmen.

Die Entwicklung eines Bildstils

Heidi und Robert Mertens schreiben in ihrem Buch Inspiration Leica Akademie (2020, S. 56):

„Die Entwicklung einer eigenen Bildsprache ist eng an die Persönlichkeit des Fotografen gebunden – seine individuellen Erfahrungen, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken und Visionen.“ 

Dieses Verständnis deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Fotografische Interessen entstehen nicht zufällig, sondern entwickeln sich über lange Zeiträume. Sie sind eng mit Erinnerungen, prägenden Lebensorten und persönlichen Erfahrungen verbunden. Im Rückblick zeigt sich häufig eine bemerkenswerte Kontinuität. Der Vergleich früher und aktueller Fotografien macht sichtbar, dass sich bestimmte Motive und gestalterische Vorlieben über Jahrzehnte hinweg erhalten. Auch in meinem fotografischen Werk lassen sich Themen erkennen, die mich seit mehr als fünf Jahrzehnten begleiten: Architektur, Stadtlandschaften, Industrieanlagen, Verkehrswege und die Spuren menschlicher Arbeit im öffentlichen Raum. Sie bilden das Fundament meines heutigen Bildstils.

Erinnerungen I

Die folgenden Fotografien entstanden im Sommer 1970, als ich sechzehn Jahre alt war. Aufgenommen wurden sie auf Agfa-CT-18-Diafilm mit meiner ersten Spiegelreflexkamera. Die Dias habe ich viele Jahre später digitalisiert; einige Aufnahmen wurden zusätzlich in Schwarzweiß umgesetzt, um ihre dokumentarische Wirkung stärker hervorzuheben.

Während eines Urlaubs im Schwarzwald besuchte meine Familie an einem Sonntag Verwandte unseres Pensionswirtes, die einen abgelegenen Bauernhof in Nordrach bewirtschafteten. Zu unserer Familie gehörten damals meine Eltern, mein Bruder, meine eineinhalbjährige Schwester und ich. Aus diesem Besuch entstand eine kleine fotografische Reportage.

Aus heutiger Sicht überrascht mich, wie bewusst ich die Situation bereits als zusammenhängende Bildfolge festhielt. Den Auftakt bildet eine Übersichtsaufnahme des Hofes von einer Anhöhe aus. Sie ordnet das Gehöft in die Landschaft ein und vermittelt dessen abgeschiedene Lage. Es folgen Aufnahmen der Bewohner vor dem Bauernhaus sowie Fotografien aus der Wohnstube und vom Hof.

Besonders auffällig erscheint heute der Kontrast zwischen der Kleidung unserer Familie und derjenigen des Bauernpaares und seiner Kinder. Auch die Innenaufnahmen mit Kachelofen, einfacher Einrichtung und den Kindern vermitteln einen Eindruck von einer Lebenswelt, die sich deutlich von meinem städtischen Alltag unterschied. Die Fotografien dokumentieren deshalb nicht nur einen Familienbesuch, sondern auch die Begegnung mit einer damals fremden sozialen und kulturellen Wirklichkeit.

Rückblickend erkenne ich in dieser frühen Bildserie bereits ein Interesse, das meine Fotografie bis heute prägt. Im Mittelpunkt stehen weniger einzelne Personen als der Zusammenhang von Menschen, Architektur und Lebensraum. Die Aufnahmen erzählen von einem Ort und seinen Bewohnern und versuchen, deren Lebenswelt in ihrer Eigenart sichtbar zu machen. Damit zeigen sich bereits erste Ansätze jenes dokumentarischen Bildstils, der mein fotografisches Arbeiten bis heute bestimmt.

Erinnerungen II

Gengenbach gehört zu den Orten meiner Kindheit. Während der Urlaubsaufenthalte im Schwarzwald zog es mich immer wieder in die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und stillen Gassen. Diese Eindrücke haben sich tief eingeprägt. Wenn ich die frühen Fotografien heute betrachte, kehren nicht nur die Bilder des Ortes zurück, sondern auch die Erinnerungen an jene unbeschwerten Tage. Fotografien können Erinnerungen bewahren und sie Jahrzehnte später mit erstaunlicher Intensität wieder lebendig werden lassen.

Die folgenden Fotografien zeigen Fachwerkhäuser in der Engelsgasse in Gengenbach im Schwarzwald. Die ersten Aufnahmen entstanden 1971 mit meiner ersten Spiegelreflexkamera auf Diafilm. Fast fünfzig Jahre später kehrte ich an denselben Ort zurück und fotografierte die Gasse erneut – diesmal mit einer digitalen Leica Monochrom.

2019

1971

Der Vergleich der Fotografien von 1971 mit den späteren Aufnahmen überrascht. Trotz des zeitlichen Abstands von fast fünf Jahrzehnten ähneln sich Bildausschnitt, Perspektive und Motivwahl in bemerkenswerter Weise. Offenbar zog mich schon als Jugendlicher nicht das spektakuläre Einzelmotiv an, sondern die räumliche Struktur der Gasse, das Zusammenspiel von Architektur, Licht und Perspektive sowie die ruhige, ausgewogene Komposition des Bildes.

Diese Übereinstimmung wirft eine interessante Frage auf: Was bedeutet sie für meine fotografische Entwicklung? Ist sie ein Hinweis darauf, dass sich mein fotografisches Sehen kaum verändert hat? Oder zeigt sie vielmehr, dass sich grundlegende fotografische Interessen sehr früh herausbilden und über Jahrzehnte hinweg erhalten bleiben?

Ich neige zur zweiten Deutung. Fotografische Entwicklung bedeutet nicht zwangsläufig, immer neue Motive oder einen völlig anderen Stil zu suchen. Sie kann ebenso darin bestehen, ein früh vorhandenes Interesse zu vertiefen und die eigenen gestalterischen Möglichkeiten kontinuierlich zu verfeinern. Kameras, Filme und digitale Technik haben sich grundlegend verändert. Geblieben ist jedoch die Faszination für historische Architektur, für den Charakter gewachsener Stadträume und für Bilder, die durch Klarheit, Ordnung und Konzentration auf das Wesentliche geprägt sind.