Vor der Bücherwand

Laurenz Berges:
4100 Duisburg: Das letzte Jahrhundert.
London: Koenig Books, 2020. 168 S., Oln. mit SchU., 25.9 x 2.6 x 32.9 cm,
ISBN 978-3960987673

Meine Auseinandersetzung mit Fotografie ist seit vielen Jahren eng mit dem Ruhrgebiet verbunden. In fotografischen Projekten und Essays beschäftige ich mich mit den Spuren der Montanindustrie, dem Wandel der Städte und den stillen Momenten des Alltags. Der Bildband 4100 Duisburg. Das letzte Jahrhundert von Laurenz Berges gehört zu den Büchern, die meinen Blick auf diese Themen nachhaltig geprägt haben.

Berges fotografiert keine spektakulären Ansichten. Seine Bilder zeigen Fassaden, leerstehende Häuser, Brachen, Hinterhöfe und unscheinbare Stadträume. Gerade in dieser Konzentration auf das Alltägliche entsteht eine dichte Atmosphäre. Die Fotografien erzählen von Vergänglichkeit, Erinnerung und Veränderung, ohne diese Themen ausdrücklich zu inszenieren. Sie wirken ruhig, präzise und von großer formaler Klarheit.

Wie inspirierend dieses Buch für meine eigene Fotografie geworden ist, zeigte sich bei einer Aufgabe unseres „Fotografischen Quartetts“. Für ein gemeinsames Treffen sollten wir ein eigenes Bild entwickeln, das sich an einem fotografischen Vorbild orientiert. Ich entschied mich nicht für eine einzelne Aufnahme, sondern für die Bildsprache von Laurenz Berges insgesamt. Sein Werk erschien mir als fotografisches „Vor-Bild“ – weniger zum Nachahmen einzelner Motive als zum Verständnis einer fotografischen Haltung.

Während eines Spaziergangs durch meine Duisburger Nachbarschaft entstanden zahlreiche Aufnahmen, die sich bewusst an dieser Bildsprache orientierten. Erst bei der späteren Sichtung bemerkte ich eine bemerkenswerte Übereinstimmung: Eines meiner Fotos zeigt das leerstehende Haus in der Charlottenstraße 58 – dasselbe Gebäude, das Laurenz Berges fotografiert und in 4100 Duisburg (S. 123) sowie auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Diese Entdeckung war nicht geplant. Sie machte jedoch deutlich, wie sehr die intensive Beschäftigung mit einem fotografischen Werk den eigenen Blick prägen kann.

Gerade darin liegt für mich der besondere Wert von Fotobüchern. Sie sind weit mehr als Sammlungen gelungener Fotografien. Sie vermitteln eine fotografische Haltung und schärfen den Blick für Motive, Licht, Komposition und Atmosphäre. Manche Bücher begleiten die eigene fotografische Entwicklung über viele Jahre. 4100 Duisburg gehört für mich ohne Zweifel zu diesen Werken.

Der vollständige Essay über den Bildband sowie die dazugehörigen Fotografien stehen auf meiner Homepage als separate PDF-Dateien zur Verfügung.

Albert Renger-Patzsch:
Ruhrgebiet - Landschaften 1927-1935.
Herausgegeben von Ann und Jürgen Wilde
Köln: DuMont Buchverlag, 1982.

176 Seiten, 100 Schwarz-Weiß-Tafeln,Oln. mit SchU., 24 x 30 cm,

ISBN 3-7701-1378-0 / 978-3-7701-1378-1

Albert Renger-Patzsch zählt zu den prägenden Fotografen der Neuen Sachlichkeit. Sein 1982 erstmals als geschlossener Werkkomplex veröffentlichter Bildband Ruhrgebiet-Landschaften 1927–1935 eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf die Industrieregion. Im Mittelpunkt stehen nicht spektakuläre Zechen oder Hochöfen, sondern Straßen, Bahndämme, Siedlungen, Gärten und die Übergangszonen zwischen Stadt und Land. Gerade in diesen unscheinbaren Räumen erkannte Renger-Patzsch die charakteristische Gestalt des Ruhrgebiets.

Der Essay untersucht den Bildband als editorische Veröffentlichung und analysiert die fotografische Konzeption, die Bildgestaltung und die Bedeutung der Aufnahmen für das Verständnis der Industrielandschaft. Zugleich wird gezeigt, weshalb die Fotografien bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Sie schulen den fotografischen Blick für das Alltägliche und machen sichtbar, dass Bildwürdigkeit nicht von spektakulären Motiven, sondern von Aufmerksamkeit, Präzision und einer bewussten Gestaltung abhängt.

Der vollständige Essay steht als PDF zum Download bereit.