Industriekultur als Erinnerungslandschaft
Industriekultur gehört zu den zentralen Themen meiner fotografischen Arbeit. Ehemalige Zechen, Hüttenwerke, Kokereien, Gasometer, Halden und Arbeitersiedlungen interessieren mich nicht allein als eindrucksvolle Bauwerke, sondern als historische Zeugnisse, in denen sich die Geschichte von Arbeit, Technik und gesellschaftlichem Wandel bis heute ablesen lässt.
Die Archäologin und Kulturhistorikerin Maxi Maria Platz weist darauf hin, dass Industriekultur kein eng umrissener Begriff ist. Sie bezeichnet vielmehr die sozialen, kulturellen und historischen Zusammenhänge der Industriegesellschaft und trägt dazu bei, Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen (Platz 2022). Aufbauend auf einem Vortrag von Rainer Wirtz unterscheidet sie vier Dimensionen der Industriekultur: eine materielle, soziale, kulturelle und ökologische Dimension (Platz 2022).
Die materielle Dimension umfasst die baulichen und technischen Hinterlassenschaften der Industrialisierung – Industriearchitektur, Maschinen, Verkehrswege und Produktionsanlagen. Sie bilden den Ausgangspunkt meiner fotografischen Arbeit. Mich interessieren ihre Konstruktion, ihre Materialität und die Spuren jahrzehntelanger Nutzung.
Ebenso bedeutsam ist die soziale Dimension. Industrieanlagen erzählen von den Menschen, die dort gearbeitet haben, von ihren Arbeits- und Lebensbedingungen sowie von den tiefgreifenden Veränderungen, die Industrialisierung und Deindustrialisierung hervorgerufen haben. Fotografien können diese Geschichte nicht vollständig erzählen, sie machen jedoch die Orte sichtbar, an denen sie eingeschrieben ist.
Die kulturelle Dimension richtet den Blick auf die künstlerische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Industriegesellschaft. Literatur, Malerei, Fotografie, Film und Architektur haben das industrielle Zeitalter immer wieder interpretiert. Meine fotografischen Projekte verstehen sich als Beitrag zu dieser Auseinandersetzung. Sie dokumentieren Industrieanlagen nicht nur als Bauwerke, sondern fragen nach ihrer Bedeutung als kulturelles Erbe und Erinnerungsorte.
Schließlich besitzt Industriekultur auch eine ökologische Dimension. Industrialisierung und Natur sind keine Gegensätze, sondern haben sich gegenseitig geprägt. Gerade im Ruhrgebiet entstanden aus ehemaligen Produktionsflächen neue Kulturlandschaften, in denen technische Relikte, Vegetation und neue Nutzungen miteinander verschmelzen. Diese Überlagerung unterschiedlicher Zeitschichten macht viele Orte fotografisch besonders interessant.
Dass Industrieanlagen heute als kulturelles Erbe wahrgenommen werden, ist keineswegs selbstverständlich. Noch bis in die 1960er Jahre galten viele stillgelegte Anlagen als entbehrliche Zweckbauten. Erst seit den 1970er Jahren entwickelte sich schrittweise ein neues Verständnis von Industriekultur. Denkmalpflege, Bürgerinitiativen und ehemalige Beschäftigte setzten sich für den Erhalt bedeutender Industrieanlagen ein. Mit den Industriemuseen der beiden Landschaftsverbände entstand zugleich ein institutioneller Rahmen zur Erforschung und Vermittlung des industriellen Erbes (Seidel 2020, S. 298).
Einen entscheidenden Impuls erhielt diese Entwicklung durch die Internationale Bauausstellung Emscher Park (1989–1999). Sie verband Denkmalpflege, Stadtentwicklung, Landschaftsplanung und Kulturpolitik zu einem umfassenden Konzept des Strukturwandels. Industriebauten wurden nicht länger als Relikte einer vergangenen Epoche verstanden, sondern als Orte neuer kultureller und gesellschaftlicher Nutzung (Seidel 2020, S. 300). Mit der Route der Industriekultur entstand schließlich ein regionales Netzwerk, das die Geschichte des Ruhrgebiets räumlich erfahrbar macht und bis heute das Bild der Region prägt (Seidel 2020, S. 300–301).
Angela Schwarz beschreibt diesen Wandel als Entwicklung „von der Altlast zum Monument der Industriekultur“ (Schwarz 2001). Sie zeigt, dass die erhaltenen Industrieanlagen weit mehr sind als touristische Attraktionen. Sie wurden zu Erinnerungsorten, an denen sich das Selbstverständnis einer Region ausdrückt und an denen die Arbeits- und Lebenswelten früherer Generationen bewahrt werden (Schwarz 2001, S. 242–249). Industriekultur dürfe deshalb nicht in „ritualisierten Besichtigungen“ aufgehen, sondern müsse nachvollziehbar machen, „was die Alltagsrealität des vielzitierten ‚Malochers‘ tatsächlich bestimmt hat“ (Schwarz 2001, S. 249).
Auch der Historiker Stefan Berger versteht Industriekultur als Teil gesellschaftlicher Erinnerungspolitik. Sie kann regionale Identität stiften und den Beitrag früherer Generationen sichtbar machen, birgt zugleich jedoch die Gefahr einer nostalgischen Verklärung, die soziale Konflikte, Umweltbelastungen und die Erfahrungen des Strukturbruchs ausblendet (Berger 2020, S. 68–71). Besonders kritisch bewertet Berger eine Form der Industriekultur, die lediglich das erfolgreiche Bild des Strukturwandels bestätigt und dadurch zu einer „depolitisierten Selbstbestätigung“ wird (Berger 2021, S. 101). Dem setzt er die Forderung entgegen, „die überbordende Industriekultur der Region wieder zu politisieren und sie zu einer agonalen Erinnerungskultur zu formen“ (Berger 2021, S. 101–102). Erinnerung soll demnach unterschiedliche, auch widersprüchliche Erfahrungen sichtbar machen, anstatt sie zu vereinheitlichen.
Dieses Verständnis prägt meine fotografische Arbeit. Mich interessieren Industrieanlagen weder als spektakuläre Architektur noch als romantische Ruinen. Im Mittelpunkt stehen die Spuren menschlicher Arbeit, die Veränderungen ehemaliger Industrielandschaften und die vielfältigen Beziehungen zwischen Architektur, Landschaft und Geschichte. Rost, Umbauten, Leerstände und neue Nutzungen erzählen von wirtschaftlichem Wandel ebenso wie von den Lebensgeschichten der Menschen, deren Alltag über Generationen von diesen Orten bestimmt wurde.
Literaturnachweise
Berger, Stefan (2020): Industrial Heritage and the Ambiguities of Nostalgia for an Industrial Past in the Ruhr Valley. Labor: Studies in Working-Class History, 17(4), S. 67–77.
Berger, Stefan (2021): Was ist das Ruhrgebiet? Eine historische Standortbestimmung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Abschied von der Kohle. Struktur- Kulturwandel im Ruhrgebiet und in der Lausitz. Bonn, 2021.
Platz, Maxi Maria (2022): Warum Industriearchäologie und Industriekultur im Ruhrgebiet keine Folklore sind. In: MinusEinsEbene, 28. August 2022. Verfügbar unter: https://minuseinsebene.hypotheses.org/1725 (Zugriff: 6. Juli 2026).
Schwarz, Angela (2001): Von der Altlast zum Monument der Industriekultur: Stillgelegte Industrieanlagen im Ruhrgebiet zwischen Imagewerbung und Identitätsstiftung. Geschichte im Westen, 16, S. 242–249.
Seidel, Hans-Christoph: Komm zur Ruhr. Der Ruhr(gebiets)tourismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Hombach, Bodo (Hrsg.): Die Ruhr und ihr Gebiet. Band 2: Leben am und mit dem Fluss. Münster: Aschendorff, S. 285-303.